Kein Konsum ist unpolitisch

Der Krieg in der Ukraine lehrt uns, Prioritäten neu zu ordnen. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Im Angesicht des russischen Krieges in der Ukraine vergeht den Leuten hierzulande die Lust auf Shopping. Die Gesellschaft für Konsumforschung vermeldet eine Einkaufsflaute. Der allgegenwärtige Blick in die unendlich traurigen und erschöpften Gesichter der Kriegsopfer vor dem Panorama zerbombter Städte vergällt einem den Spaß an eleganten Schuhen, schicken Autofelgen oder leistungsstarken Lockenstäben.

Der Krieg ist ein Lehrmeister. Von einem Tag auf den anderen wirkt unsere schöne Warenwelt nicht nur profan, selbstverliebt oder dekadent. Sie erscheint auch brandgefährlich. Haben wir nicht alle mit unserem gedankenlosen Konsum, mit jeder Tankfüllung für unsere spritfressenden SUVs oder mit jeder Billigflugreise dem russischen Präsidenten die Kriegskasse gefüllt? Hofften wir in Sachen Klimawandel noch auf eine jahrzehntelange Galgenfrist, so bombt uns der Krieg Russlands in eine Zeit, in der jeder Tag zählt, weil Menschen sterben.

Dringender Handlungsbedarf besteht nicht nur für die hohe Politik, sondern auch für die Niederungen unseres Alltags. Kein Konsum ist unpolitisch. Putin hat den Schalter umgelegt. Aber Selenskyjs heldenhafte Gegenwehr zeigt uns, wo es in Zukunft langgehen kann.

Der Ausblick ist keineswegs grau und grauslich. Es gibt ein gutes Leben nach den fossilen Brennstoffen. Es gibt Konsum, der viel nachhaltiger ist und uns glücklich macht. Selbst die Forschung belegt: Wir sollten weniger Dinge shoppen als gute Erlebnisse einkaufen; wir sollten die alltäglichen Rituale wertschätzen und eher andere Menschen als uns selbst beschenken.

Erinnern Sie sich an die vielfach in den sozialen Medien geteilten Videos von ukrainischen Soldaten, die ihren Freundinnen mitten im Krieg einen Heiratsantrag machten? Erinnern Sie sich an das Bild von einem Abendmahl Selenskyjs im Kreis seiner Berater und Minister – glücklich lachend beim gemeinsamen Essen? Oder haben Sie die Begeisterung und Zufriedenheit der vielen polnischen und anderen Helfer gesehen, die die Flüchtlinge in ihrem Land empfangen und unterstützt haben?

Der Krieg lehrt uns, unsere längst überfälligen Prioritäten neu zu ordnen. Die Aussichten sind gut, wenn nur erst das Schießen aufhört. Den letzten Rest fossilen Unglücks sparen wir ein – durch Tempolimit, Bahnreisen und warme Pullis.

Die Autorin ist Soziologin.

Sie arbeitet an der Jacobs

University in Bremen.

Prunkvolle Nobelpreise

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Die Nobelpreis-Medaille.
© Kay Nietfeld/dpa

Die Verleihung der Nobelpreise wirft prunkvoll ein Schlaglicht auf die Wissenschaft – aber sie verklärt auch den Blick. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Alle Jahre wieder werden im Oktober die sechs prestigeträchtigen Nobelpreise vergeben. Geheimnisvolle Komitees ermitteln nach geheimnisvollen Regeln die wenigen Glücklichen. Ja, es sind auch in diesem Jahr fast ausschließlich weiße Männer aus dem globalen Norden. Aber darauf wollte ich gar nicht hinaus. Denn die Debatte um die Rolle von Geschlecht, Hautfarbe und quälender sozialer Ungleichheit ist ein weites Feld mit vielen Untiefen.

Konzentrieren wir uns auf das Phänomen der Spitzenforschung. Die Nobelstiftung speist sich aus dem Vermögen von Alfred Nobel, einer der vielen Erfinder des Dynamits und ein Rüstungsindustrieller. Die Zinsen seines Kapitals kommen drei naturwissenschaftlichen Disziplinen der Chemie, Medizin und Physik zugute. Aus den Sozialwissenschaften hat es nur die Wirtschaftswissenschaft zur Nobelpreisreife gebracht – und auch das nur, weil hier die schwedische Nationalbank mit Stiftungskapital eingesprungen ist. Die weiteren Preise für Literatur und Frieden sind keine Forschungspreise.

Die Preisverleihung wirft prunkvoll ein Schlaglicht auf die Wissenschaft. Sie gilt als zentraler Motor für Fortschritt und Wohlstand in der modernen Gesellschaft (des Westens). Aber das grelle Licht verklärt auch den Blick. Wir sehen individuelle glückliche Forscher, die im Wissenschaftssystem reüssiert haben. Wir sehen nicht, dass sie Teil einer großen Forschungsgemeinschaft sind, an dessen Vorarbeiten sie anknüpfen, von dessen Mitarbeiter:innen und wissenschaftlichen Diskussionen sie abhängen.

Wir sehen, dass sich ein Füllhorn über Repräsentanten einiger weniger, oft nordamerikanischer Spitzenuniversitäten und auch Max-Planck-Instituten ergießt. Wir sehen nicht, woher das Kapital kommt, nach welchen Regeln es verteilt wird und wer leer ausgeht – Stichwort #ichbinHanna.

Wir sehen, dass einige Natur- und auch die Wirtschaftswissenschaften förderungswürdig sind. Wir sehen nicht, dass andere Disziplinen außer Acht gelassen werden. In Anbetracht der sozialen, politischen und ökologischen Verwerfungen unserer Zeit erscheint mir diese Ignoranz gegenüber sozialwissenschaftlichen Fragestellungen nach Kooperation und Koordination besonders problematisch.

Und wer übernimmt die Verantwortung für die Folgen von Nobelpreisen? Der 1953 ausgezeichnete deutsche Chemiker Hermann Staudinger erhielt den Preis für die Erfindung des Plastiks.

Die Autorin ist Soziologin. Sie arbeitet an der Jacobs University in Bremen.

Mangelndes Wissen

  • https://www.fr.de/wirtschaft/gastwirtschaft/mangelndes-wissen-90932738.html
Menschen stehen auf dem Rollfeld und gehen an Bord eines US-Transportflugzeugs.
© U.S. Marines/dpa

Ohne Datenerhebung keine transparenten, demokratischen Strukturen. Die Kolumne „Gastwirtschaft“. 

Wie unglücklich muss ein Mensch sein, der sich an das Fahrgestell eines startenden Flugzeugs klammert und dann in den Tod stürzt. Es sind entsetzliche Bilder aus Afghanistan. Es sind Tote, die sowohl Biden als auch Merkel, Maas und Kramp-Karrenbauer zu verantworten haben. Das Chaos des Abzugs lässt einen an der Strategie und Rationalität der westlichen Außenpolitik verzweifeln.

Wieso wissen die westlichen Staaten auch nach 20 Jahren Besatzung und mehreren Billionen Dollar Investitionen so wenig über Afghanistan? Wieso waren die Politiker des Westens über den schnellen Sieg der Taliban überrascht? Und wieso diktiert das innenpolitisch in den USA symbolträchtige Datum des 11. Septembers einen vollständigen internationalen Truppenabzug, wo doch der Kampfeinsatz der Taliban im Winter immer schwächer ist?

Die Verantwortlichen werden sich diesen Fragen stellen müssen. Antworten weisen aber auch über die unmittelbare politische Schuldzuweisung hinaus. Denn offenbar mangelte es den Armeen und Regierungen der reichsten Länder der Erde an Wissen über fremde Kulturen, die Wirkung ihrer Investitionen und das Wiedererstarken der Feinde. An technischer Ausstattung wird es kaum gelegen haben. Informationstechnologien vom Internet über GPS zur Künstlichen Intelligenz sind maßgeblich aus der militärischen Forschung entstanden.

Aber die technischen Möglichkeiten sind offenbar nicht für sinnvolle Datenerhebungen genutzt worden. Man hätte die afghanische Bevölkerung regelmäßig befragen müssen, wie sie zur Besatzung, zu ihrer Regierung und zu ihren Streitkräften steht. Umfragen und Analysen von Daten der sozialen Medien sind zentrale Informationsquellen, um transparente und demokratische Strukturen aufzubauen. Aus diesen Erhebungen hätte man viel über die Korruption der amtierenden Regierung des Landes erfahren und reagieren können.

Moderne Datenauswertungen hätten auch mögliche Ausstiegsszenarien durchspielen können. Wären diese unter den beteiligten Streitkräften transparent diskutiert worden, wären die unterschiedlichen Interessen der amerikanischen und der europäischen Vertreter klar geworden. Mit dem Wissen wäre auch nicht die Kampfmoral der afghanischen Armee untergraben worden. Es ist Zeit über eine europäische Verteidigungsunion zu sprechen.

Die Autorin ist Soziologin. Sie arbeitet an der Jacobs University in Bremen.

Kritik ist ein Lebenselixier

  • https://www.fr.de/wirtschaft/gastwirtschaft/kritik-ist-ein-lebenselixier-90799629.html
Demonstrant:innen halten während eines Protestes in der Nähe des litauisch-belarussischen Grenzübergangs östlich von Vilnius Transparente und Fahnen in den Farben der alten belarussischen Nationalflagge. Die Demonstranten fordern Freiheit für politische Gefangene in Belarus. 
© Mindaugas Kulbis/dpa

Kein Regime, das die Jugend mundtot macht, wird überleben.

Mir hat der Atem gestockt. Ich spürte diesen Stich in der Magengrube, als ich von der Entführung des Ryanair-Flugzeugs nach Weißrussland, der Verhaftung des Passagiers Roman Protassewitsch und seine verstörende Zurschaustellung im Fernsehen erfuhr.

Dieser brutale Verstoß gegen das ureigenste Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit lässt mich als Mutter physisch mitleiden. Ich sehe diesen jungen Mann, seine Freundin, die anderen Demonstranten, und ich sehe auch die vielen jungen Protestierenden und Flüchtenden in anderen Ländern. Und ich empfinde pures Unglück. In was für einer Welt leben wir eigentlich, in der die alten Herrschenden, seien wir ehrlich, es sind meistens alte Herrscher, ihre eigenen Kinder foltern und mundtot machen?

Warum ist es so schwer, der Jugend zuzuhören und Kritik zu ertragen? Ich will keineswegs die Jugend von jeglichen Fehlern freisprechen. Ich bin eine Mutter und realistisch. Aber sie sind die Zukunft und kein Regime wird überleben, wenn es seine Zukunft mit Füßen tritt.

Die katholische Kirche erlebt das schmerzlich in diesen Tagen. Dabei ist Kritik ein Lebenselixier und ein unverzichtbares Korrektiv. Die westlichen Demokratien halten sich zu Gute, dass sie sich durch die regelmäßige Wahl diesem Korrektiv stellen. Auch dort liegt einiges im Argen. Aber Demokratien tolerieren Meinungsänderungen und wechseln dann ihr Führungspersonal aus. Den vielen Autokratien fehlt dieses Korrektiv. Und gerade das macht sie verwundbar. Denn wie schon Tancredi im Fim „Der Leopard“ einsieht: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, dann ist nötig, dass alles sich verändert“.

Lukaschenko ist heute 66 Jahre alt. Im guten Rentenalter wie auch Putin, Xi Jinping und Erdogan. Da ist es an der Zeit, seinen Abgang zu planen. Sicher, Joe Biden ist sogar 78 Jahre. Aber sein Amtsende steht schon fest.

Regime, denen diese demokratische Nachhilfe fehlt, stoßen früher oder später an ihre biologischen Grenzen. Wenn Autokraten wollen, dass etwas Brauchbares aus ihrer Zeit überlebt, dann müssten sie rechtzeitig ihre Nach- folge regeln. Lukaschenko hat’s verpasst. Er hat die Proteste der belarussischen Kinder ignoriert. In der Geschichte wird er einen schäbigen Platz einnehmen. Wir Mütter leiden und können nur hoffen, dass gezielte Wirtschaftssanktionen wirksam sind.

Die Autorin ist Soziologin

und arbeitet an der Jacobs

University in Bremen.

Bescheidenheit ist eine Zier

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Demokratie braucht Austausch, Mobilität und Veränderung. Vielleicht fangen wir gleich mit der Kürzung der Amtszeiten von Politikerinnen und Politikern auf zwei Legislaturperioden an – hier im Bundestag.
© Kay Nietfeld/dpa

Die Korruption versetzt der Demokratie einen Stoß.

Einer meiner afrikanischen Studenten forscht zu den Folgen der Korruption in Afrika. Und recht hat er! Korruption ist ein großes Unglück, nicht nur für junge afrikanische Staaten, sondern in allen Ländern der Welt.

Wenn Sie Menschen fragen, wie zufrieden sie mit ihren Regierungen sind, dann ist Korruption, also der Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Vorteil, ein klarer Negativfaktor. Das jüngste Entsetzen über die Maskenaffäre im deutschen Bundestag und die erdrutschartigen Stimmenverluste bei der CDU sind nur folgerichtig. Gerade von Politikerinnen und Politikern, aber auch von Wirtschafts- oder Kirchenlenkenden verlangen wir Verantwortung und Einsatz für das Gemeinwohl.

Leider ist das Glück der Selbstbescheidung in den vergangenen wirtschaftsliberalen Dekaden, in denen man sich vor allem um das persönliche Wohlergehen sorgte, sehr in Vergessenheit geraten. Das rächt sich nun und versetzt gleich dem ganzen demokratischen Projekt einen Stoß.

Dabei ist es ein gutes Zeichen, wenn Korruptionsfälle aufgedeckt werden. Nur sollten die illegalen Machenschaften durch eine unabhängige Justiz, freie Medien oder eine engagierte Zivilgesellschaft zu Tage gefördert werden. Denn Korruptionsvorwürfe werden auch sehr gerne von den Herrschenden selbst erhoben, um sich lästiger oppositioneller Kräfte und anderer kritischer Stimmen zu entledigen. Das wirft Fragen auf und nährt den Verdacht des Missbrauchs.

Zudem sind die Übergänge zwischen Korruption und der geschickten Nutzung von Macht und Einfluss für größere, längerfristige Ziele fließend. Die ersten Unschuldsbekundungen von Nüßlein, Wölki und Co. mögen sich auch aus diesem fehlenden Unrechtsverständnis speisen. Aber wer kann das letztlich beurteilen? Die demokratische Gewaltenteilung mit ihren Kontrollorganen sollte einen Riegel vor Korruption und Machtmissbrauch schieben. Nur, wenn in den Ämtern die immer gleichen Menschen sitzen, dann bleiben Werte und Präferenzen einer diversen Bevölkerung außen vor.

Demokratie braucht Austausch, Mobilität und Veränderung. Vielleicht fangen wir gleich mit der Kürzung der Amtszeiten von Politikerinnen und Politikern auf zwei Legislaturperioden an. Bescheidenheit ist eine Zier und ein Anti-Korruptionsrezept. Glück auf!

Die Autorin ist Soziologin. Sie arbeitet an der Jacobs University in Bremen.

Vorhaben: Zukunft

Steve Jobs had visions – in Germany they would probably have sent him to an ophthalmologist. 
In the USA, the college dropout invented the Apple computer.
© imago stock&people
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Technische Innovationen müssen auch innovativ gefördert werden. Die Wirtschaftskolumne.

Die Zukunft hat Konjunktur. Egal ob Klimawandel oder Künstliche Intelligenz, Wirtschaft und Politik sind eingeschwenkt auf den Kurs von morgen. Die Lösung aller Zukunftsfragen verspricht sich die Bundesregierung von Innovationen, genauer von technischen Innovationen. Gamer in die Unternehmen, Roboter in der Pflege, Tablets in den Schulen, Solarmobile auf den Straßen und am Himmel. Schöne neue Welt!

Ministerien, Stiftungen und Forschungsförderung überschlagen sich mit wohlklingenden Zukunftsvorhaben. Die Bundesregierung pumpt noch einmal extra Milliarden in plötzlich exzellente Universitäten. Nur die bürokratisierten Auswahlverfahren, nach denen das schöne Forschungsgeld verteilt werden soll, klingen nach 1A sozialistischer Planwirtschaft.

Oberstes Gebot: Es gilt jede Menge formale Vorgaben und Fristen genauestens einzuhalten. Wer hier keine Punktlandung macht, sondern falsch adressiert oder die minutengenaue Deadline verstreichen lässt, der fliegt – egal wie innovativ das Projekt ist. Den Schaden, die Kosten und das Unglück haben ohnehin nur der Forscher oder die Erfinderin.

Zweites Gebot: Die Forschungsmittelvergabe erfolgt streng nach dem Matthäus- oder Bayern-München-Prinzip: wer hat, dem wird gegeben. Netzwerker aus reichen Forschungsinstitutionen sind immer (wieder) im Vorteil, weil Innovationen nie anonym sondern von Fachkollegen beurteilt werden. Dabei weiß man, dass Innovationen sehr viel seltener aus der Mitte eines eingeschworenen Netzwerks entspringt als an deren Rändern. Den Apple-Computer erfand ein Studienabbrecher in einer Garage!

Vielleicht hat die Bundesregierung ja deshalb aufgerüstet und aus den USA abgekupfert. Die Zauberformel heißt Disruption oder Neudeutsch Sprunginnovation. Eine eigens gegründete Agentur soll nachahmen, was die amerikanische Verteidigungsbehörde Darpa seit über sechs Jahrzehnten und mit einem vielfach höheren Budget vormacht.

Hilke Brockmann

Eine anspruchsvolle Aufgabe, die auch nach einer innovativen Verwaltung verlangt. Weil keiner weiß, welche Innovationen sich in Zukunft durchsetzen werden, Ressourcen, Risikobereitschaft und Zeit aber eine wichtige Rolle spielen, wäre eine fehlertolerante, Diversität erlaubende, und einfache Mittelvergabe zentral. Warum sollten innovative Projekte nicht auch ausgelost werden? Machen wir die Köpfe auf!

Nur keine Panik!

  • https://www.fr.de/wirtschaft/gastwirtschaft/keine-panik-12355871.html

Kabinettssitzung in Berlin: Panik schieben  nur die, die an ihren Sesseln kleben.
© dpa

Wie Volksparteien sich erneuern können.

Die alten Volksparteien sind ins Fadenkreuz der sozialen Medien geraten. Zunächst von rechts, nun auch von links werden sie auf Twitter, Youtube und Facebook beschossen. Manchmal reicht schon ein 140 Zeichen-Tweet oder ein 50-minütiges Video von Rezo, um Regierungsparteien ins Straucheln zu bringen. Es ist etwas in Bewegung geraten. Brauchen CDU, SPD und Co. ein update oder ist es selbst dafür schon zu spät?

Zwei Gründe sprechen für eine Erneuerung und gegen die Verschrottung. Erstens: Politische Bewegungen jeglicher Art folgen einem zutiefst demokratischen Impuls. In der Demokratie haben die politisch Mächtigen ihre Privilegien nur geliehen. Auf Zeit! Es gibt eine Reihe von doppelten Sicherungen im System, um Eliten in Schach und Balance zu halten. Sie sind auf Mehrheiten angewiesen, und wenn diese kippen, dann ist das ein starkes, systemimmanentes Signal, sich zu bewegen und zu verändern. Kein Grund zur Panik!

Panik schieben nur diejenigen, die an ihren Sesseln kleben. Dahinter verbirgt sich aber weniger eine menschliche Schwäche als ein Konstruktionsfehler politischer Karrieren und parteipolitischer Rekrutierung. Das Hochjubeln einzelner Persönlichkeiten verkennt die Zufälligkeit von Karrierepfaden und die Hilfe Dritter und verknappt zudem unnötig die Riege möglicher Nachfolger.

Dabei sind gute Leute gar kein rares Gut, so der zweite Grund. Man muss sie nur reinlassen und durchlassen. Volksparteien tun gut daran, für mehr Mobilität in den eigenen Reihen zu sorgen. Der ewige Stallgeruch und die räumliche Bindung von Politikerkarrieren vergraulen innovative Seiteneinsteiger und mobile Querdenker. In der Summe diskriminieren sie besonders junge Menschen.

Neue Grenzen setzen!

  • https://www.fr.de/wirtschaft/gastwirtschaft/neue-grenzen-setzen-13186183.html
Die rasant gewachsene Nachfrage nach einer intakten Umwelt – von ‚Fridays for Future‘ über ‚Extension Rebellion‘ bis zu Veganismus und grüner Mode – verweisen den Markt in neue Grenzen.
© Steven Saphore/AAP/dpa

Egoistisches Gewinnstreben sät soziales Misstrauen. Deshalb ist es höchste Zeit, Reformen anzugehen. Die Gastwirtschaft.

Wären die Gesellschaften dieser Erde Fußballmannschaften, dann droht den reichen westlichen Demokratien der Abstieg in die zweite Liga. Die Leistungen der letzten Wochen lassen nichts Gutes ahnen: Tod der Volksparteien in Thüringen, das Brexit-Drama in der Endlosschleife und eine US Außenpolitik für Egoshooter.

Ist das Modell liberaler kapitalistischer Gesellschaften am Ende? Der Tod eines Patienten ist nicht leicht vorherzusagen. Aber viele vitale Funktionen scheinen gestört. Die rasant gewachsene Nachfrage nach einer intakten Umwelt – von ‚Fridays for Future‘ über ‚Extension Rebellion‘ bis zu Veganismus und grüner Mode – verweisen den Markt in neue Grenzen.

Wir sollten uns eingestehen, dass ein grenzenloser Markt, der gleichermaßen alle Dinge und Beziehungen zu Waren degradiert, mehr Unfreiheit als Freiheit schafft. Oder wie fühlen Sie sich, wenn Sie Ihr Humankapital für Ihren Lebenslauf zusammenstellen, wenn Sie beim Zahnarzt über den Zahnersatz verhandeln oder auf Dating-Portalen Ihre persönlichen Vorzüge anpreisen?

Egoistisches Gewinnstreben sät soziales Misstrauen. Man kann nie sicher sein, ob sich der andere an die Absprachen hält oder nicht doch noch durch die Hintertür entschlüpft. Auch erscheint jeder nicht egoistisch Handelnde wie ein Depp. Oder wie beurteilen Sie jemanden, der nicht jeden Steuerschlupfwinkel nutzt? Das hat verheerende Folgen für den Zusammenhalt von Familien, von Institutionen oder eben auch der Politik.

Deshalb brauchen wir Grenzen. Grenzen der Warenwelt, Grenzen des Eigennutzes. Die Umweltbewegungen zeigen die Grenzen des Planeten auf. Die amerikanischen demokratischen Präsidentschaftskandidaten, allen voran Elisabeth Warren, verweisen den Kapitalismus in neue Schranken.

Die Große Koalition ist da weniger einfallsreich. In der Mitte bewegt sich wenig. Dem wachsenden Misstrauen können die Regierungsparteien deshalb nichts entgegensetzen und Sigmar Gabriel als Autolobbyist legt noch eine Schippe drauf. Jetzt gilt es, Reformen anzugehen! Eine Reformation mobilisiert Menschen mit Idealen (siehe Kirche). Ein neuer grüner ‚Deal‘ wäre ein solcher Grenzverlauf. Und seien Sie versichert, für etwas Größeres als nach seinem Eigennutz zu streben, macht glücklich, gerade weil man es nicht kaufen kann. Denken Sie mal drüber nach!

Richtig schenken

  • https://www.fr.de/wirtschaft/richtig-schenken-11034910.html

Bedenken Sie den ökologischen Fußabdruck. Vielleicht fliegen Sie nicht zum Shoppen nach New York und sparen sich den giftigen Verpackungsmüll.

In dem rauen Wetter, gemeint ist durchaus auch das politische Klima, leuchtet das Weihnachtsfest umso heller. Und weil Vorfreude die schönste Freude ist, haben die Konsumtempel Marzipan, Lebkuchen und Adventskalender rechtzeitig nach den Sommerferien in die Regale gekramt. Da funkeln nun die frohen Vorboten auf ein fröhliches Fest in der F(r)amily mit Kerzenglanz, vielleicht Kirchenbesuch, aber immer mit Geschenken. Alle Jahre wieder!

Das Geschenk ist eine uralte Geste. Es bringt die Menschen zusammen, weil es Einfühlungsvermögen braucht, um Freude zu schenken und weil Geschenke erwidert werden. Das motiviert selbst Einkaufsmuffel. Die Deutschen lassen sich da nicht lumpen. Im vergangenen Jahr hat statistisch jeder Bundesbürger über zwölf Jahre rund 466 Euro in Weihnachtsgeschenke investiert. Da lohnt es sich zu überlegen, was wir schenken sollten.

Die Glücksforschung hält ein paar Tipps bereit. Daten zeigen, dass Statusgeschenke, also die Markenuhr, die Edel-Handtasche oder das teure Smartphone, ihre Wirkung verfehlen, wenn nicht ständig für Nachschub gesorgt wird. Die Freude währt nur kurz und droht gar ins Gegenteil zu kippen, sollten unsere Mitstreiter im ewigen Statuswettbewerb das noch exquisitere Glanzstück geschenkt bekommen. Also aufgepasst!

Auch der Gutschein oder das Geldgeschenk, Deutschlands liebstes Weihnachtsmitbringsel, verpuffen, wenn Beschenkte keinen wirklichen Herzenswunsch haben. Deshalb rät die Glücksforschung zu Ereignis- und Erlebnisgeschenken: eine gemeinsame Abendveranstaltung, ein unerwarteter Überraschungstrip oder Dinge, mit denen wir eine besondere Geschichte verbinden. Die lässt sich am Weihnachtsabend auch gut erzählen und veredelt das Geschenk.

Schließlich macht es Sinn, das Geld eher auf mehr als auf wenige zu verteilen und vielleicht auch solche zu beschenken, die nicht damit gerechnet haben. Es muss ja nicht gerade Donald Trump sein.

Bedenken Sie einfach den ökologischen Fußabdruck ihrer Geschenke und ihrer Feier. Vielleicht fliegen Sie nicht zum Shoppen nach New York und sparen sich den giftigen Verpackungsmüll. Gönnen Sie sich lieber einen edlen lokalen Tropfen. So beschenken Sie am Ende auch die Natur, die es Ihnen auf unschätzbare Art zurückschenken wird. Viel Spaß!

Die Autorin ist Soziologin. Sie arbeitet derzeit am European University Institute.

Ein Gewinner, viele Verlierer

  • https://www.fr.de/wirtschaft/gewinner-viele-verlierer-10964237.html

Hat der Wettbewerb als Ordnungsprinzip versagt? Nein, aber wir müssen über Wettbewerbsbedingungen neu diskutieren. Die Gastwirtschaft.

Sommerzeit – Reisezeit. In den glücklichsten Wochen des Jahres machen wir Urlaub vom Markt und vom Wettbewerb. Unter Freunden und in Familie muss sich keiner beweisen. Man kennt sich. Am Strand, auf der Hütte oder in der Schlange vor der Museumskasse sind wir alle fast gleich. Urlaub als Kontrastprogramm. Einfach mal ausspannen und Löcher in die Luft starren.

Den Rest des Jahres dagegen taktet der olympische Wettstreit unseren Alltag: Top Performance am Arbeitsplatz, Wettlauf um die neue Wohnung, internationale Vergleichstests an Schulen, Exzellenzerwartungen vom Wissenschaftsministerium, sinnloser Wettstreit in unsäglichen Castingshows. Das macht ganz schön unglücklich, sagen seriöse Studien. Denn bei jedem Wettkampf gibt es nur einen Gewinner und viele Verlierer. Schon der Zweitplatzierte geht leer aus. Ganz zu schweigen von den Heerscharen gesichtsloser Arbeiter und Dienstleister, die den Siegern erst die Bühne und die Rendite bereiten.

Aber auch die Superstars der globalen Konzerne, des Spitzensports und der internationalen Unterhaltungsindustrie stehen gewaltig unter Strom. Die vermarkteten Erwartungen sind gigantisch, die internationale Konkurrenz schläft nicht. Dabei versprechen horrende Gagen, exzessive Bonuszahlungen oder absurde Gewinnbeteiligungen keine nachhaltige Befriedigung, zeigt die Glücksforschung. Einkommen jenseits des Durchschnitts steigern kaum das Wohlbefinden.

Der grenzenlose Wettbewerb nimmt heute surreale Züge an, vor allem an der Spitze der gesellschaftlichen Hackordnung. Wenn Millioneneinkommen locken, sind Untreue (Middelhoff), Betrug (Doping), Machtmissbrauch (#Metoo) oder Vetternwirtschaft (Amigos) nicht weit.

Hat der Wettbewerb als Ordnungsprinzip versagt? Nein, aber wir müssen über die Wettbewerbsbedingungen neu diskutieren. Schauen wir noch einmal auf unsere Urlaubserfahrungen. Wir strengen uns ja an und haben Spaß, wenn wir im Winter am Gästeabfahrtsrennen teilnehmen oder im Sommer beim Beachvolleyturnier mitmachen. Die gemeinsame Anstrengung, begrenzte Folgen und Belohnungen, zweite und dritte Teilnahmechancen und die eindeutige Messbarkeit des besseren Ergebnisses verleihen dem Wettbewerb seine legitime Ordnung und schaffen durchaus Glücksmomente. Oder liege ich da etwa falsch?

Die Autorin ist Soziologin. Sie arbeitet derzeit am European University Institute.