Kein Konsum ist unpolitisch

Der Krieg in der Ukraine lehrt uns, Prioritäten neu zu ordnen. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Im Angesicht des russischen Krieges in der Ukraine vergeht den Leuten hierzulande die Lust auf Shopping. Die Gesellschaft für Konsumforschung vermeldet eine Einkaufsflaute. Der allgegenwärtige Blick in die unendlich traurigen und erschöpften Gesichter der Kriegsopfer vor dem Panorama zerbombter Städte vergällt einem den Spaß an eleganten Schuhen, schicken Autofelgen oder leistungsstarken Lockenstäben.

Der Krieg ist ein Lehrmeister. Von einem Tag auf den anderen wirkt unsere schöne Warenwelt nicht nur profan, selbstverliebt oder dekadent. Sie erscheint auch brandgefährlich. Haben wir nicht alle mit unserem gedankenlosen Konsum, mit jeder Tankfüllung für unsere spritfressenden SUVs oder mit jeder Billigflugreise dem russischen Präsidenten die Kriegskasse gefüllt? Hofften wir in Sachen Klimawandel noch auf eine jahrzehntelange Galgenfrist, so bombt uns der Krieg Russlands in eine Zeit, in der jeder Tag zählt, weil Menschen sterben.

Dringender Handlungsbedarf besteht nicht nur für die hohe Politik, sondern auch für die Niederungen unseres Alltags. Kein Konsum ist unpolitisch. Putin hat den Schalter umgelegt. Aber Selenskyjs heldenhafte Gegenwehr zeigt uns, wo es in Zukunft langgehen kann.

Der Ausblick ist keineswegs grau und grauslich. Es gibt ein gutes Leben nach den fossilen Brennstoffen. Es gibt Konsum, der viel nachhaltiger ist und uns glücklich macht. Selbst die Forschung belegt: Wir sollten weniger Dinge shoppen als gute Erlebnisse einkaufen; wir sollten die alltäglichen Rituale wertschätzen und eher andere Menschen als uns selbst beschenken.

Erinnern Sie sich an die vielfach in den sozialen Medien geteilten Videos von ukrainischen Soldaten, die ihren Freundinnen mitten im Krieg einen Heiratsantrag machten? Erinnern Sie sich an das Bild von einem Abendmahl Selenskyjs im Kreis seiner Berater und Minister – glücklich lachend beim gemeinsamen Essen? Oder haben Sie die Begeisterung und Zufriedenheit der vielen polnischen und anderen Helfer gesehen, die die Flüchtlinge in ihrem Land empfangen und unterstützt haben?

Der Krieg lehrt uns, unsere längst überfälligen Prioritäten neu zu ordnen. Die Aussichten sind gut, wenn nur erst das Schießen aufhört. Den letzten Rest fossilen Unglücks sparen wir ein – durch Tempolimit, Bahnreisen und warme Pullis.

Die Autorin ist Soziologin.

Sie arbeitet an der Jacobs

University in Bremen.